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Buchrezension: Kanban in der Praxis - Vom Teamfokus zur Wertschöpfung

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Kanban ist eine Methodik, die in der agilen sowie klassischen Softwareentwicklung eingesetzt wird. Ursprünglich kommt Kanban aus der Produktionssteuerung und hilft dabei, die Anzahl paralleler Arbeiten zu begrenzen, um kürzere Durchlaufzeiten zu erreichen und Engpässe sichtbar zu machen. Da das erste Kanban-System schon im Jahr 1947 entworfen wurde, gibt es natürlich zahlreiche Abhandlungen zu dem Thema. Ich möchte hier das Buch „Kanban in der Praxis“ von Klaus Leopold rezensieren.

Wie der Titel von „Kanban in der Praxis“ bereits suggeriert, wendet sich das Buch an Leser, die in Kanban bereits erprobt sind, ihre Methodik verbessern und die Thematik praxisorientiert weiter vertiefen möchten.

Das Buch beginnt zunächst mit der Beschreibung eines Experimentes, bei dem die Teilnehmer einer Schulung Schiffe aus einem Stapel Papier falten sollen. Jeder Teilnehmer ist für maximal zwei Faltschritte zuständig. Danach wird das Schiff an den nächsten Teilnehmer weitergegeben, bis es fertig ist. Das Experiment, das vom Autor Klaus Leopold regelmäßig am Anfang seiner Kanban-Trainings durchgeführt wird, führt dem Leser plastisch vor Augen nach welchen Grundprinzipien Kanban funktioniert und welche Auswirkungen dessen Einhaltung hat.

Stellt man sich beispielsweise vor, dass jede Arbeitsstation nicht durch eine einzelne Person, sondern ein Team durchgeführt wird, kann man den Grundsatz „Lokale Optimierung führt zu globaler Suboptimierung“ nachvollziehen. Durch eine Optimierung ihrer Arbeitsweise schaffen es die ersten beiden Teams ihre Arbeit schneller zu liefern als bisher. Folglich erhöht sich der Durchsatz und die Durchlaufzeit verkürzen sich in den ersten beiden Teams. Häufig wird nun durch die lokale Leistungssteigerung noch mehr Arbeit in das System geschaufelt. Da die restlichen Teams genau so schnell wie bisher arbeiten, entsteht dort ein Engpass. Die Anzahl der Aufgaben, die sich in Arbeit befinden, erhöht sich. Der Engpass bestimmt den Gesamtdurchsatz und die Gesamtdurchlaufzeit des Systems. Folglich hat die lokale Optimierung zur Folge, dass das gesamte System langsamer wird. Um dem entgegenzuwirken, ist es sinnvoll die Abhängigkeiten und Übergaben zwischen den Teams zu reduzieren.

Klaus Leopold arbeitet seit 2008 als Lean- und Kanban-Berater. Als Co-Autor von „Kanban in der IT“ hat er bereits ein weiteres Buch zum Thema veröffentlicht, in dem die Grundlagen behandelt werden und erklärt wird, wie Kanban in Unternehmen eingeführt und eingesetzt werden kann.

Der Schreibstil des Buches ist stets ungewöhnlich locker, unterhaltsam und kurzweilig. Ein Beispiel für die lebendigen Bilder des Autors ist das „Spice Girls Meeting“, ein Nachschubmeeting, in dem der Input für die nächste Iteration ausgewählt wird, vergleichbar mit dem Sprint Planning aus Scrum. Das liest sich dann so (Seite 28):

„Dieses Nachschubmeeting wurde von fünf Managementvordenkerinnen der 1990er-Jahre inspiriert: von den Spice Girls. Lange bevor Kanban in der Wissensarbeit Einzug hielt, stellten sie in ihrem Grundlagenwerk „Wanna be“ bereits fest: Tell me what you want, what you really really want! Auf Kanban übersetzt bedeutet diese Metapher: Man kann nicht unendlich viel Arbeit ins System kippen, um zu schauen, was passiert. Der Repriorisierungswahnsinn beginnt dann nämlich, wenn die Arbeit bereits im System ist. Man forciert daher eine bewusste Entscheidung darüber, was als Nächstes ins Arbeitssystem gelangen und abgeschlossen werden soll.“

Das Buch ist in sechs Kapitel unterteilt. Das 1. Kapitel beschäftigt sich mit der zentralen Frage, warum man Kanban überhaupt nutzen sollte und für welche Anwendungsbereiche die Methodik sinnvoll ist. Zudem wird deutlich, dass Kanban auf verschiedenen Ebenen funktioniert, z.B. auf der Personen-Ebene mit „Personal Kanban“ oder im Portfolio-Management.

Das nächste Kapitel ist dem Betrieb und der Verbesserung von Kanban-Systemen gewidmet. Im Mittelpunkt steht dabei die Kommunikation zwischen den Beteiligten, die durch drei Meeting-Formate gestützt wird, die aus anderen agilen Umfeldern bekannt sind: Das Nachschubmeeting, das Daily-Standup-Meeting und die Retrospektive.

Das 3. Kapitel dreht sich um den Einsatz von Kanban im Großen, wenn mehrere Teams und Abteilungen gemeinsam an der Erreichung eines Projektziels arbeiten.

Kapitel 4 widmet sich dem leidigen Thema „Wann wird etwas fertig?“ Es wird aufgezeigt, warum und wie Forecasts angewendet werden können, um anhand realer Messdaten anstatt „Expertenschätzungen“ ein Fertigstellungsdatum zu bestimmen.

Viel zu oft basieren Priorisierungen auf politischem Druck von Stakeholdern im Unternehmen, wodurch es zu Umpriorisierungen laufender Arbeit kommen kann. Anstatt auf Politik setzt der Autor auf Verzögerungskosten als Entscheidungskriterium und erklärt in Kapitel 5 seine Sicht auf Priorisierung.

Das Buch schließt mit einer Fallstudie ab, die die Einführung von Kanban in einem Ticket-Handling-System beschreibt und das Buch abrundet.

Mich persönlich hat Kapitel 2 besonders angesprochen, da ich einige Fallstricke aus meinem beruflichen Umfeld wiedererkannt habe. Die Lösungsvorschläge und dessen Argumentation aus dem Erfahrungsschatz des Autors sind hier stets eine Bereicherung für den Alltag mit Kanban. Mir hat der Vorschlag zum Wissenstransfer gefallen, der nahtlos in den Arbeitsablauf eingefügt werden kann. Hierfür kann ein Bereich im Kanban-Board einführt werden, in dem die Mitarbeiter ihre Wissenstransfer-Lücken sammeln. Wenn eine für den Wissenstransfer angemessene Aufgabe am Board im normalen Prozess in Arbeit genommen wird, muss nur noch die Aufgabe mit der Karte für den Wissenstransfer verknüpft werden. Die Mitarbeiter können dann beispielsweise via „Pairing“ die Aufgabe bearbeiten. Ein schematisches Board in Anlehnung an Seite 85 des Buches zeigt die folgende Darstellung.

Fazit

Wer eine Einführung in Kanban sucht, ist mit einem anderen Buch sicherlich besser beraten. Ich kann das Buch „Kanban in der Praxis“ jedem nahelegen, der täglich mit Kanban arbeitet und sich in die Materie vertiefen möchte, um sein Vorgehen weiter zu verbessern. Der Inhalt ist durch die Erfahrungen des Autors sehr nah an der Praxis. Die lockere Schreibweise führt zu einem schnellen Verständnis und zu einem kurzweiligen Lesevergnügen.

 

Kanban in der Praxis: Vom Teamfokus zur Wertschöpfung

1. Auflage, 2016
von Klaus Leopold
Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
237 Seiten
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3446443433
Preis: 35,00€

Daniel Creutzburg

geschrieben von Daniel Creutzburg

Daniel ist Consultant und modellbasierter Requirements Engineer bei der MID am Standort Nürnberg. Er beschäftigt sich in letzter Zeit vor allem mit Softwarearchitektur, SCRUM und KANBAN.

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